Plureos

 


Ich habe eine Weile darüber nachgedacht, ob ich zu diesem Thema etwas schreiben soll und wie ihr seht, hab ich mich dafür entschieden. Auf diesem Blog (und auf Twitter) möchte ich euch die Verlagswelt näherbringen, dazu gehören auch Änderungen, die nicht im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Gestern habe ich das erste Mal von Plureos gehört und heute will ich euch erzählen, warum ich dieses Vorhaben sehr bedenklich finde. Dies ist ein komplett subjektiver Bericht aus der Sicht einer unabhängigen Kleinverlegerin.

 

Aber zuerst ein bisschen Geschichte! 

2019 wurde die Verlagswelt hart getroffen, ich berichtete HIER. Erst ging der Großhändler KNV in die Insolvenz (und wurde einige Monate später aufgekauft), danach schockte der andere Großhändler Libri damit, dass er zahlreiche Bücher seines Sortiments ausgelistet hat. Darunter befanden sich haufenweise Titel aus Kleinverlagen. Diese wurden an die Verlage zurückgeschickt, mit der Aufforderung einer Rückzahlung binnen weniger Wochen. (Anmerkung: Libri hat ein reguläres Zahlungsziel von 3 Monaten, dieses wollten sie den Verlagen jedoch nicht einräumen).

Natürlich hat Libri das Recht, auszulisten, was sie wollen. Sie sind ein Unternehmen und müssen auf die Zahlen schauen, kein Ding. Ist nicht so, als müsste ich das nicht auch. Aber in einem Jahr, dass schon so gebeutelt ist, von der KNV-Insolvenz so einen Dick-Move zu bringen ist ziemlich scheiße.

Verlagssterben gab es schon immer, wird es immer geben, aber 2019 war es hart. Allein im Phantastik-Bereich hat es einige Kleinverlage getroffen. Für viele war die KNV-Insolvenz und die Libri-Auslistung der berühmte letzte Nagel am Sarg. Nicht jeder von ihnen hat ein zweites Standbein oder kann querfinanzieren. Selbst Verlage, denen es sonst gut ging, hatten zu kämpfen. Das nur zur allgemeinen Lage im Phantastik-Bereich.

Aber Libri hat uns nicht im Regen stehen lassen. Viele Verlage haben nach der Auslistung ihrer Bücher ein nettes Angebot bekommen. Man könnte ja über das Libri-Tochterunternehmen BoD (Books on Demand) drucken lassen. So wäre man direkt an den Buchhandel angeschlossen und Bücher würden auf Bestellung gedruckt werden. Wenn auch ihr jetzt denkt, hey, das ist ne tolle Idee! Warum der bissige Unterton, Frau Verlegerin?

Zwei Dinge dazu


1. Die Qualität der BoD-Titel war noch nie gut und scheint sich in den letzten Jahren nur wenig verbessert zu haben. Da sind die Erfahungsbereichte jedoch auch unterschiedlich. Die Bücher, die ich zuletzt in der Hand hatte waren steif, der Kleber stank widerlich und das Papier war unschön. Von befreundeten Autor*innen habe ich jedoch gehört, dass sie eine deutliche Verbesserung der Qualität wahrgenommen haben. Weiterhin gibt es nicht viel Auswahl an Buchgrößen, wer also mit Sonderformaten oder abweichenden Formaten arbeitet, hat Pech gehabt.
 

2. Findet ihr es nicht auch irgendwie scheiße, wenn eine Firma, die eure Bücher nicht mehr an Lager hat, weil sie sich nicht verkauft haben, danach ankommt, um dich für ihr On Demand Programm begeistern will? Warum sollte Libri Bücher ins Sortiment nehmen, die sich nicht verkaufen?

Was ist denn jetzt dieses »Plureos«?


Die PRESSEMITTEILUNG von BoD sagt dazu folgendes »Unter dem Namen PLUREOS entsteht am Standort Bad Hersfeld das größte und modernste Print-on-Demand-Zentrum Europas. Mit Fertigstellung im Herbst 2021 werden künftig Millionen nationale und internationale Titel dauerhaft, über Nacht und in nachhaltiger Produktion verfügbar sein.«
Weiterhin sagt die gleiche Info »Das Einzigartige an PLUREOS ist die vollständige Integration der Print-on-Demand-Produktion in die Buchhandelslogistik von Libri. Im Ergebnis wird es damit keinen zeitlichen Unterschied mehr zwischen physisch gelagerten und frisch gedruckten Titeln geben. Selbst Bestellungen, die im Buchhandel kurz vor Bestellschluss getätigt werden, können über Fast-Track-Strecken innerhalb von nur 2,5 Stunden produziert und von Libri über Nacht an Buchhandlungen ausgeliefert werden.«

Wie nachhaltig ein einzelner Titel sein kann, den man über Nacht druckt, sei mal dahingestellt. Ich lasse mich da gerne belehren, wie das geht. Aber ein bisschen was weiß ich über Buchdruck, zum Beispiel, dass Bücher nach dem Druck Ruhepausen brauchen, damit sich das Papier nicht wellt und der allgemeine Geruch des Klebers verfliegt. Aber vielleicht hat Libri dafür ja jetzt endlich eine Lösung. Ich bleibe skeptisch und bezweifle das.

Ich sage nicht, dass Plureos eine schlechte Idee ist. Im Gegenteil, das ist ne geile Idee. Kunde bestellt Buch, Buch wird gedruckt, Buch wird über Nacht an Buchhandlung geschickt, Kunde ist am nächsten Tag happy. Geiler Scheiß (wenns funktioniert). Es ist der ganze Mist im Hintergrund, der mich ärgert!

Libri listet Bücher aus, um Verlage für BoD anzuwerben und kommt jetzt mit einem Projekt um die Ecke, das viele Fragen aufwirft. Was ist mit Büchern, die der Kunde nach Bestellung doch nicht möchte? Weil sie unschön verarbeitet sind. Meines Wissens nach tut sich BoD bisher schwer mit Remissionen (Bücher die vom Buchhandel zurückgeschickt werden). Wird es mehr Auswahl an Buchgrößen geben, oder können nur Standardmaße über den, im Artikel beworbenen, Fast-Track hergestellt werden? Wie möchte Libri Bücher verkaufen, die sie vorher ausgelistet haben, weil sie sich nicht verkauft haben? Wird die Qualität bei allen Produkten ein gleich hohes Niveau erreichen? Wird der Kleber nicht mehr müffeln? Fragen über Fragen. Sicherlich werden wir Ende nächsten Jahres, wenn Plureos an den Start gegangen ist, mehr wissen.

Ich persönlich habe ein zwiegespaltenes Verhältnis zu Libri. Sie haben schlechte Konditionen für Verlage (noch schlechter als der Buchgroßhandel so wie so schon hat), ihre Zahlungsmoral lässt zu wünschen übrig und sie haben mir mitten im Weihnachtsgeschäft eine Neuheit aus diesem Jahr zurückgeschickt. MITTEN IM WEIHNACHTSGESCHÄFT!

Libri macht Bücher auf dem Markt unsichtbar. Der Mitbewerber KNV hat in seinem Bestellprogramm für Buchhändler*innen auch Bücher gelistet, die nicht mehr über den Großhandel zu beziehen sind. Es gibt dort die Möglichkeit, eine Bestellung oder Anfrage an den Verlag direkt zu schicken. Libri vertritt die Meinung, der/die Buchhändler*in muss keine Bücher sehen, die er/sie nicht direkt über Libri bestellen kann. Und damit werden Bücher unsichtbar gemacht! Es wird so getan, als gäbe es sie nicht und das ist scheiße gegenüber den Buchhändler*innen, den Kund*innen und den Verlagen.

Und das kommt von einem Unternehmen, das so viel Wert auf »Vielfalt« legt. In ihrer Pressemitteilung erwähnen Libri und BoD dieses Wort 5x, 4x allein in einem Absatz. Ich bekomme den ekelhaften Beigeschmack nicht weg. Kleinverlagstitel unsichtbar machen, um das eigene Unternehmen zu pushen, ist keine Vielfalt, es ist Mist und der stinkt noch mehr als der Kleber der BoD-Titel.

Ich bin gespannt, was Plureos im Herbst 2021 bringt und noch mehr interessiert es mich, wie das erste Weihnachtsgeschäft laufen wird. Unter dieser Belastungsprobe sind schon andere eingebrochen.

Ich denke, Plureos ist vielleicht etwas für den einen oder anderen Kleinverlag. Aber nicht für mich!

Liebe Grüße, bleibt gesund.
Grit


NACHTRAG 01 - 23.12.2020: Eine befreundete Autorin wies mich darauf hin, dass sich die Qualität der BoD-Produkte deutlich gesteigert hat.

NACHTRAG 02 - 23.12.2020: Ich wurde von einer SPlerin darauf hingewiesen, dass die Magen bei BoD hoch sind und damit wenig rentabel für SPler*innen und Kleinverlage. Für einzelne Titel, die man zB als Rezensionsexemplar, für den Eigenbedarf (zB Messen) beziehen möchte, bleibt nicht viel übrig.